KSC: Gesichtserkennung als warmer Empfang für die Gäste aus Aachen

(Pressemitteilung der Piraten Karlsruhe – 2011-07-28)

Forschungsprojekt Gesichtserkennung im Wildparkstadion unter Druck, Piraten warnen vor Verharmlosung der Überwachungstechnik.

Die vom KIT in Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum Informatik (FZI) in Karlsruhe angekündigte Evaluation des Projektes „Parallele Gesichtserkennung in Videoströmen“ (PaGeVi) gerät im Vorfeld des DFB-Pokalspiels gegen Alemannia Aachen am Sonntag in die Kritik. Fans – insbesondere der Gastmannschaft – fühlen sich nicht ausreichend über das Projekt informiert und planen ihren Unmut mit Pappmasken auszudrücken. Die Fanvereinigung Supporters Karlsruhe e.V. hat Proteste angekündigt, die Piratenpartei unterstützt dabei.

Videokameras zur Gesichtserkennung Wildparkstadion Karlsruhe 4

Quelle: Piratenpartei Karlsruhe

Die Kameras wurden bereits zur Überwachung des Eingangs zum Fanblock der Gastmannschaft installiert und begrüßen die Fans wenig freundlich (siehe Foto). Bei der Erprobung der Technik sollen nur Mitarbeiter im Besucherstrom erkannt werden. Aber selbst dabei sind einige Datenschutzaspekte noch nicht geklärt: Werden z. B. die Kamerabilder auch aufgezeichnet, damit die Forscher im Nachhinein die erwarteten Fehlerkennungen auswerten können? Eine Einbeziehung des Landesbeauftragten für den Datenschutz wäre hier dringend angeraten. Nach Gesprächen zwischen Fanbetreuung und Fans dürften die Kameras diesen Sonntag noch nicht zum Einsatz kommen und werden stattdessen verhüllt.

Bernd Eckenfels, der politische Geschäftsführer der Piratenpartei Bezirksverband Karlsruhe, kritisiert die Projektpartner Stadt Karlsruhe (als Eigentümer des Wildparkstadions), die Forschungseinrichtungen (als Initiator), den Sicherheitsdienstleister b.i.g und nicht zuletzt den Karlsruher SC: „Es zeugt von mangelnder Sensibilität zu denken, man dürfe Menschen computergesteuert beurteilen. Die Technologiefolgenabschätzung kann ich vorwegnehmen: wird nicht akzeptiert. Zudem landet das Karlsruher Wildparkstadion mal wieder in der Schublade der Badner mit den übertriebenen Sicherheitsvorkehrungen“.

Videokameras zur Gesichtserkennung Wildparkstadion Karlsruhe 1

Quelle: Piratenpartei Karlsruhe

Welche Folgen hat eine Videoüberwachung?
Nach Ansicht der Piratenpartei Karlsruhe sind allerdings die langfristigen Aspekte eines Produkteinsatzes wesentlich problematischer: Mit staatlichen Fördermitteln wird offen der Einsatz einer Überwachungstechnologie gefördert, die das Potential hat, das Klima in der Zivilgesellschaft erheblich abzukühlen. Diese wurden in der Vergangenheit ganz nebenbei auch noch erfolgreich an diktatorische Regimes in aller Welt exportiert und dort zur Unterdrückung von Demokratiebestrebungen eingesetzt.

Aus der Sicht der Fans stellen sich wieder die gleichen Fragen, die schon bei rechtswidrigen Datensammelaktionen wie der Datei „Gewalttäter Sport“ erhoben wurden: Wer entscheidet, wer auf die schwarze Liste kommt? Wie lange werden Fans „gesperrt“? Häufig wurden Fans auf Verdacht oder versehentlich auf die Liste gesetzt. Dies könnte in Zukunft weitreichende Folgen für die sportbegeisterten Fans haben, wenn die Fahndungslisten erst einmal zwischen den Stadionbetreibern ausgetauscht werden.

Videokameras zur Gesichtserkennung Wildparkstadion Karlsruhe 2

Quelle: Piratenpartei Karlsruhe

Ist Videoüberwachung Sinnvoll?
Die Notwendigkeit einer automatisierten Einlasskontrolle ist ohnehin gerade im Bereich der Fußballfans höchst fraglich: Zum einen werden Stadionverbote schon heute erfolgreich durch szenekundige Beamte umgesetzt, die mit „ihren“ Fans mitreisen, zum anderen können die existierenden Probleme nur mit mehr Fanarbeit und Miteinander gelöst werden.

Die ablehnende Haltung der Piratenpartei bezüglich der Überwachungstechnik erklärt Eckenfels anschaulich: „Polizeiposten an Sektorgrenzen, an denen alle Bürger von Computern erfasst und nach Passierscheinen gefragt werden – das hört sich an wie eine Szene aus einer apokalyptischen Science-Fiction-Serie. Einschüchternde Ausweiskontrollen sind aber zu erwarten, wenn man Technik einsetzt, die auch unter idealen Bedingungen häufige Fehlalarme liefern wird. Wenn es darum geht, Risiken neutral zu bewerten und vor allem erfolgreich zu reduzieren, ist Angst kein guter Ratgeber“.


Quellen

Automatisierte Besucherkontrolle beim KSC powered by KIT

Ganz stolz berichtet das KIT über ein neues Forschungsprojekt:

Ziel des Projekts „Parallele Gesichtserkennung in Videoströmen“ (PaGeVi) ist die Weiterentwicklung eines Verfahrens zum Identifizieren gesuchter Personen bei Großveranstaltungen: So stellen beispielweise in Fußballstadien gewaltbereite Fans ein großes Sicherheitsproblem dar. Über eine Parallelisierung der entsprechenden Software wollen die Wissenschaftler des KIT und des Forschungszentrums Informatik (FZI) die Bildverarbeitung beschleunigen und die Erkennbarkeit verbessern.

Wie das bei Forschungsprojekten so üblich ist, muss auch die Machbarkeit evaluiert werden. Dazu arbeitet das KIT mit dem Wildparkstadion und dem Sicherheitsunternehmen b.i.g. zusammen: die Software soll bei KSC-Spielen eingesetzt werden, die Fans scannen und so auf Praxistauglichkeit geprüft werden.

Bei jeglicher Forschung muss stets bedacht werden, wie und wofür eine Entwicklung eingesetzt werden kann. Nützt sie der Gesellschaft oder führt sie zu weitreichenden negativen Veränderungen? Ist es sinnvoll mit so einer Software ein Stadionverbot durchzusetzen, oder führt es nur zu Fehlverdächtigungen und Störungen beim Einlass. Und was ist davon zu halten wenn es eine lückenlose Überwachung des öffentlichen Raums gibt?

Ob das Verfahren praktikabel ist, ob die Menschen sich widerstandslos überwachen lassen und ob die Kontrollen am Stadioneingang wirklich effektiver werden wird die Anwendungsbeobachtung sicherlich zeigen. Aber ob die Technologie auch das Potenzial hat unsere Gesellschaft zu verändern – in den Überwachungsstaat zu führen – das bleibt offen. Da die KMU Verwertungspartner GPP communication und Videmo Intelligente Videoanalyse bereits bereitstehen um die Forschungsergebnisse in Produkte umzusetzen (und das Ganze noch mit 1,2 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird) ist es jedoch unwahrscheinlich, dass solche ethischen Bewertungen angestellt werden.

Und genau diese Entwicklung ist in der westlichen Welt gegenwärtig überall zu beobachten. Man erkennt dies etwa an Forschungsprojekten wie INDECT oder dem in letzter Zeit häufig aufgetretenen Fall, dass undemokratische Regimes in aller Welt ihre Macht mit westlicher Überwachungstechnologie (Videoüberwachung, SMS-Filter, Internet Deep Packet Inspection) stützen. Bei der so genannten Forschung für die zivile Sicherheit handelt es sich allzu häufig um gefährliche Dual-Use-Technologien mit dem Potenzial, unsere Gesellschaft zu verändern – und dies nicht unbedingt zum Besseren. Wir können nur hoffen, dass FZI und KIT sich gemeinsam ihrer Verantwortung stellen, diese Technologie kritisch zu bewerten.